Einführung

Damals, im zweiten Weltkrieg...

Das Darknet der Nazis wurde vom genialen Mathematiker Alan Turing gehackt. Der Aufwand war für die damalige Zeit gewaltig. Die Turing-Bomben füllten riesige Hallen. Die Daten wurden damals mit der neu entwickelten Funktechnik übermittelt. Mit Antennen konnten die Funksprüche - ohne dass es die Nazis bemerkten - mitgehört werden.

Die Nazis schützten mit der von ihnen entwickelten Enigma-Maschine ihre Funksprüche. Diese Maschine konnte Funksprüche ver- und entschlüsseln. Dazu musste man wissen, welche Einstellung die Walzen haben müssen. Sie gingen davon aus, dass Angreifer noch keine Maschinen zum Knacken des Codes hatten. Das war auch so, bis Alan Turing auftauchte und die nach ihm benannten Turing-Bomben bauen liess. Es gelang ihm aber nur dank den erbeuteten Enigma-Maschinen und den aktuellen Einstelllisten der Walzen. Damit konnten die Nachrichten entschlüsselt werden und mit der daraus gewonnen statistischen Auswertung und den Turing-Bomben auch zukünftige Nachrichten gelesen werden. Dies hatte den damaligen Kriegsverlauf dramatisch verändert. Es wird von symbolischen 2 Jahre verkürztem Krieg gesprochen und sogar davon, dass die Nazis ihr drittes Reich nicht hätten aufgeben müssen.

Der Vorsprung einer abhörsicheren Kommunikation wird auch in Zukunft nicht so einfach mit Geld aufzuwiegen sein. Der Wert von Funksprüchen von damals kann heute durchaus mit dem Wert der Datenströme auf dem Internet verglichen werden.

Nur die Dimensionen sind gewaltig gewachsen. Es wurde ein Zeitgeist geschaffen, der die Kommunikationspartner im Glauben lässt, dass Verschlüsselung nicht nötig sei. Nur so ist es heute noch möglich, die Daten abhören zu können. Moderne Systeme wie zum Beispiel die Enigmabox können weder mit statistischen Methoden, noch nachträglich mit einem erbeuteten Geheimschlüssel entschlüsselt werden. Die Daten sind auch nicht einfach mit Antennen abhorchbar. Sie müssen mühsam aus einem Mesh-Netzwerk herausgefischt werden. Das übernehmen zwar riesige Rechencenter. Aber die Enigmabox hat im Vergleich zu den 4 Walzen der Enigma-Maschine ungemein komplexere Verschlüsselungsalgorithmen, die nur mit einem gewaltigen Rechenaufwand entschlüsselt werden können, wenn überhaupt. Und die Daten nehmen in einem Mesh-Netz immer wieder einen anderen Weg. Die Wege können auch aus eigenen Datenleitungen und WLAN-Netzen bestehen. So scheitert eine erfolgreiche Entschlüsselung bereits bei der Datenbeschaffung.

Abhörsichere Kommunikationswege werden auch in der heutigen Zeit den Internetgiganten und der von den Geheimdiensten überwachten Welt eine entscheidende Wendung geben.

Verschlüsseln ist viel einfacher als entschlüsseln. Das verschlüsseln einer Nachricht dauert ein paar Millisekunden. Das entschlüsseln dauert ein paar Millionen Jahre. Machen wir davon Gebrauch!

Die Entwicklung des Internets

1969 als Projekt des Verteidigungsministerium gestartet, verbindet es heute jeden Computer auf dem Planeten. Doch: Verschlüsselung ist “optional”, muss mit Zusatzprogrammen nachträglich eingebaut werden, war so nicht vorgesehen. Das Internet ist ein gefährlicher Ort geworden - alle Daten fliessen im Klartext über die Leitungen. Auf diesem Fundament findet heutzutage all unsere Kommunikation statt.

Dieses Fundament ist so kaputt, dass sich ein paar Individuen um den Erdball dazu entschieden haben, das Internet neu zu bauen. Diesmal verschlüsselt und auf sicheren Protokollen basierend. Caleb James DeLisle hat cjdns entwickelt, um diese Vision näher zur Manifestation zu bringen. Wir bringen euch die Enigmabox, mit der dieses noch etwas leere, aber verschlüsselte Netzwerk sinnvoll und produktiv genutzt werden kann.

Unser Masterplan

Phase Eins

So viele cjdns-Boxen wie möglich ausrollen. VPN-Zugang zum Clearnet anbieten. (Die meisten Menschen sind immer noch vom alten Internet abhängig und auf seine Dienste angewiesen). Entwickeln, integrieren und konfigurieren von bekannten Internetdiensten wie E-Mail, VoIP, XMPP, Twitter, [dein-IPv6-kompatibler-Dienst], damit diese reibungslos mit cjdns in dieser verteilten Umgebung laufen.

Phase Zwei

cjdns bewerben. Jedem helfen, ins Hyperboria-Netzwerk zu gelangen. Verschlüsselung soll Standard sein. cjdns ist nicht auf eine bestehenden IP-Infrastruktur angewiesen. Eigene Kabel betreiben. Internetdienstleister überzeugen, cjdns zu benutzen. Mesh-Inseln bilden. Mesh-Inseln verbinden. Wachsen.

Phase Drei

Das ICANN-Internet ist durch die fortschreitende Zensur unbenutzbar und wird dunkel. Hyperboria wird das neue Internet. Ein weisses Netzwerk aus Licht.

Die NSA ist obsolet.

Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen – und so wende ich mich mit keiner größeren Autorität an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten.

Regierungen leiten Ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet ihn gestalten, als wäre er ein öffentliches Projekt. Ihr könnt es nicht. Der Cyberspace ist ein natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen.

Ihr habt Euch nicht an unseren großartigen und verbindenden Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr habt auch nicht den Reichtum unserer Marktplätze hervorgebracht. Ihr kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine Eurer Bestimmungen vermöchte.

Ihr sprecht von Problemen, die wir haben, aber die nur Ihr lösen könnt. Das dient Eurer Invasion in unser Reich als Legitimation. Viele dieser Probleme existieren gar nicht. Ob es sich aber um echte oder um nur scheinbare Konflikte handelt – wir werden sie lokalisieren und mit unseren Mitteln angehen. Wir schreiben unseren eigenen Gesellschaftsvertrag. Unsere Regierungsweise wird sich in Übereinstimmung mit den Bedingungen unserer Welt entwickeln, nicht Eurer. Unsere Welt ist anders.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.

Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft.

Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelnen an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen.

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.

Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper, so daß wir im Gegensatz zu Euch nicht durch physische Gewalt reglementiert werden können. Wir glauben daran, daß unsere Regierungsweise sich aus der Ethik, dem aufgeklärten Selbstinteresse und dem Gemeinschaftswohl eigenständig entwickeln wird. Unsere Identitäten werden möglicherweise über die Zuständigkeitsbereiche vieler Eurer Rechtssprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, das alle unsere entstehenden Kulturen grundsätzlch anerkennen werden, ist die Goldene Regel. Wir hoffen, auf dieser Basis in der Lage zu sein, für jeden einzelnen Fall eine angemessene Lösung zu finden. Auf keinen Fall werden wir Lösungen akzeptieren, die Ihr uns aufzudrängen versucht.

In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit dem “Telecommunications Reform Act” gerade ein Gesetz geschaffen, das Eure eigene Verfassung herabwürdigt und die Träume von Jefferson, Washington, Mill, Madison, Tocqueville und Brandeis beleidigt. Diese Träume müssen nun in uns wiedergeboren werden.

Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fürchtet, übertragt Ihr auf Eure Bürokratien die elterliche Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszüben. In unserer Welt sind alle Gefühle und Ausdrucksformen der Humanität Teile einer umfassenden und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir können die Luft, die uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere Flügel emporhebt.

In China, Deutschland, Frankreich, Rußland, Singapur, Italien und den USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert. Sie werden die Seuche für eine Weile eindämmen können, aber sie werden ohnmächtig sein in einer Welt, die schon bald von digitalen Medien umspannt sein wird.

Eure in steigendem Maße obsolet werdenden Informationsindustrien möchten sich selbst am Leben erhalten, indem sie – in Amerika und anderswo – Gesetze vorschlagen, die noch die Rede selbst weltweit als Besitz definieren. Diese Gesetze würden Ideen als nur ein weiteres industrielles Produkt erklären, nicht ehrenhafter als Rohmetall. In unserer Welt darf alles, was der menschliche Geist erschafft, kostenfrei unendlich reproduziert und distribuiert werden. Die globale Übermittlung von Gedanken ist nicht länger auf Eure Fabriken angewiesen.

Die zunehmenden feindlichen und kolonialen Maßnahmen versetzen uns in die Lage früherer Verteidiger von Freiheit und Selbstbestimmung, die die Autoritäten ferner und unwissender Mächte zurückweisen mußten. Wir müssen unser virtuelles Selbst Eurer Souveränität gegenüber als immun erklären, selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln unterliegen. Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten, auf daß keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.

Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.

John Perry Barlow (barlow@eff.org)

Davos, Schweiz

  1. Februar 1996